Zwei Stunden mit Politik-Professor Hans Maier

Professor Hans Maier bei der Begegnung mit Johannes Schmoldt am 08. Oktober 2015 in München.

Im Oktober 2015 habe ich Professor Hans Maier in München zu einer zweistündigen Begegnung getroffen. Bisher kannte ich den Namen „Hans Maier“ nur aus der Literatur. Ich war gespannt und angespannt gleichermaßen, Hans Maier persönlich kennen zu lernen. Jemanden zu treffen, der die Anfänge der Politikwissenschaft in Deutschland erlebt hat und bereit ist, darüber zu sprechen – das war für mich eine anregende Erfahrung. Hier lesen Sie, wie ich die Begegnung mit Hans Maier erlebte.

Bei Professor Hans Maier zu Gast

08. Oktober 2015. Ich besuche Professor Hans Maier in München. Ich stehe vor seinem Haus. Ich drücke auf die Klingel. Sekunden vergehen. Schließlich öffnet sich die Tür. Mich begrüßt ein altgewordener aber rüstig wirkender Mann. Über seinem Hemd trägt er einen blauen Pullover. „Herr Schmoldt“, begrüßt mich Hans Maier namentlich. Er hat mich erwartet. Hans Maier führt mich in das Wohnzimmer seines Hauses und bittet mich, im Sessel neben dem Sofa Platz zu nehmen.

Hans Maiser akademischer Lehrer: Arnold Bergstraesser (1896-1964). Das Original-Porträt hängt heute im Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg.

Hans Maier und die „Freiburger Schule“

Hans Maier wird im Jahr 1931 geboren. Nach dem Krieg studiert er Geschichte, Germanistik und Philosophie in Freiburg. 1961 wechselt Maier an den Lehrstuhl für politische Wissenschaft zu Arnold Bergstraesser. Um Bergstraesser sammelt sich in dieser Zeit eine Gruppe junger Nachwuchswissenschaftler. Diese Gruppierung geht als „Freiburger Schule“ in die Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland ein. Innerhalb der „Freiburger Schule“ trägt Hans Maier dazu bei, die politische Wissenschaft als Fach historisch zu fundieren. Die „Freiburger“ setzen sich dafür ein, das Fach „Politik“ an den deutschen Universitäten zu etablieren. Um es mit Leben zu füllen, greifen sie auf ein antikes Motiv zurück: Politik verstehen sie als Teil der praktischen Philosophie.

Mit der „Freiburger Schule“ als Typus einer wissenschaftlichen Schule hatte ich mich im Wintersemester 2014/15 in einem Seminar an der Universität Erfurt intensiver beschäftigt. Daraus ist der Wunsch entstanden, dieses Thema weiterzuverfolgen und nach der Aktualität des „Freiburger Konzeptes“ zu fragen, welches in der deutschen Politikwissenschaft mittlerweile in den Hintergrund getreten ist.

Hans Maier: Ein Leben für Wissenschaft und Politik

Hans Maier in seinem Arbeitszimmer in München

Hans Maier in seinem Arbeitszimmer in München. In der Woche bekommt er manchmal noch über 100 Zuschriften.

Professor Hans Maier kann davon noch aus erster Hand erzählen. Als einer von wenigen. Aber nicht nur deshalb ist Hans Maier für mich ein spannender Gesprächspartner. Wie kaum ein anderer Wissenschaftler der Nachkriegszeit hat er die praktische Dimension der Politikwissenschaft wörtlich genommen: 16 Jahre dient Hans Maier dem Freistaat Bayern als Kultusminister. Von 1970 bis 1986. Noch heute gilt Hans Maier, der als Parteiloser in sein Amt kam, als einer der erfolgreichsten und wirkungsmächtigsten Kultusminister Bayerns. Nach der politischen Karriere kehrt Maier in die Wissenschaft zurück. Als Inhaber des Romano-Guardini-Lehrstuhls erwirbt er sich einmal mehr Respekt und wissenschaftliches Renommee.

Hans Maier: Ein bescheidener Intellektueller

"Ein Buch, dass man gelesen haben sollte" - Hans Maier empfiehlt mir das Buch "We hold these truths" von John Murray

„Ein Buch, dass man gelesen haben sollte“ – Hans Maier empfiehlt mir das Buch „We hold these truths“ von John Murray

Ich spreche mit Professor Hans Maier über die Zeit nach dem Krieg, den Aufbau der Politikwissenschaft und die Person Arnold Bergstraesser. Außerdem über die 68er-Zeit und seine Erinnerungen an Zeitgenossen wie Eric Voegelin, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Josef Ratzinger und viele andere.

Mich beeindruckt die Schaffenskraft Maiers. Sein Mut zur Verantwortung. Das Gespräch, das wir führen, ist eines auf Augenhöhe. Vor mir sitzt jemand, der 62 Jahre älter ist als ich. Er hätte allen Grund mich wie einen unwissenden Schuljungen zu behandeln. Das Gegenteil ist der Fall.

Nach dem Gespräch nimmt sich Professor Maier noch viel Zeit. Er zeigt mir seine beiden Arbeitszimmer. Mein Blick fällt zunächst auf das Klavier. Die Wände sind mit meterhohen Bücherwänden verkleidet. Aus ihnen spricht die Geschichte eines Mannes, der in Politik und Wissenschaft eine bedeutende Rolle gespielt hat. Zum Abschied schenkt er mir seine neuste Veröffentlichung: „Die Orgel. Instrument und Musik“. Denn Organist ist Hans Maier auch. Seit seinem elften Lebensjahr. „Organist ist mein ältester Beruf“, bemerkt der 84jährige schmunzelnd. Hans Maier ist ein bescheidener Intellektueller. Er ist dankbar für das Leben, welches er lebt. Beeindruckend! Die Begegnung mit ihm werde ich wohl nie vergessen.