Was ist Intellectual History? – Im Gespräch mit Professor Alexander Gallus

Blick ins Plenum der Tagung "Vermessungen einer Intellectual History der frühen Bundesrepublik" in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (SAW) (Bildrechte: SAW)

Bei der Tagung „Vermessungen einer Intellectual History der frühen Bunderepublik“ in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig habe ich im Dezember 2017 mit Professor Dr. Alexander Gallus (TU Chemnitz) gesprochen. Im Interview erklärt er, was Intellcual History überhaupt ist und welche Bedeutung dieses Konzept für die Forschung zur Geschichte der frühen Bundesrepublik hat. 

Prof. Dr. Alexander Gallus ist Professor für Ideengeschichte an der TU Chemnitz. (Bildrechte: TU Chemnitz)

Professor Alexander Gallus, Sie sind Inhaber des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz. Drei Jahre haben Sie ein Forschungsprojekt zur Intellectual History verantwortet und jetzt diese Tagung über „Vermessungen einer Intellectual History der frühen Bundesrepublik“ organisiert. Bitte fassen Sie doch einmal zusammen: Was ist Intellectual History überhaupt? 

Intellectual History versucht, bildlich gesprochen, Ideengeschichte ins Dreidimensionale zu falten: Wenn man davon ausgeht, dass das klassische Verständnis von Ideengeschichte sehr text- und buchbasiert ist, dann zielt Intellectual History auf eine Weitung dieses Verständnisses. Es wird nicht über ewige Wahrheiten und ihre zeitlose Gültigkeit diskutiert, sondern es gilt, Deutungskämpfe rund um politische Ideen und ihre Akteure freizulegen, die nach Einfluss im Bereich der politischen Deutungskultur, nach „kultureller Hegemonie“, streben. Man schaut, wie sich Ideen verbreiten, welche Medien dafür nötig sind, welche Öffentlichkeit, welches Publikum erreicht werden soll – und welche Rückwirkungen das dann wiederum hat. Eine weitere Frage ist: Gibt es eine Ebene der Ideenproduktion, die näher in den Blick zu nehmen ist? Ein Kollege hat das einmal anschaulich formuliert: Wir müssten stärker in den „Maschinenraum“ des politischen Denkens vordringen und uns nicht ausschließlich auf dem „Sonnendeck“ bewegen. Konkret heißt dies etwa, nicht nur glanzvoll veröffentlichte Quellen zu lesen, die von vornherein auf eine große Leserschaft zielten, sondern beispielsweise auch Briefe oder Tagebücher, die nur zum Teil schon im Bewusstsein ihrer späteren öffentlichen Wirkung verfasst worden sind. Im Idealfall ermöglicht dies die Freilegung tieferer Deutungs- und Motivebenen. Das gehört etwa zu einem Verständnis von Intellectual History. Um den Begriff der Öffentlichkeit nicht allzu luftig zu definieren, lässt sich zudem nach der Materialität von Intellectual History fragen. Dann geraten Verlage, Medien – allgemein institutionelle Mittler – und deren Gatekeeper in den Blick, ohne deren Berücksichtigung intellektuelle Wirkungsbedingungen kaum zureichend zu würdigen sind.

Intellectual History – Ideengeschichte, Geistesgeschichte, Intellektuellengeschichte

Dies alles umfasst eine Intellectual History. Die englischsprachige Formel ist im übrigen nicht leicht ins Deutsche zu übertragen, ohne dieses vielfältige, manchmal auch verwirrende Methodenset zu reduzieren. Bei dem deutschen Terminus Ideengeschichte denkt man zumeist an rein textbasierte Studien. Der zweite deutsche Begriff, der in Frage kommt, ist jener der Geistesgeschichte. Aber da denkt man entweder an Zeitgeistforschung (etwa im Sinne eines Hans-Joachim Schoeps) oder gleich an die Heroen des Historismus aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Der dritte Begriff ist Intellektuellengeschichte. Im deutschen Sprachverständnis stehen dann fast ausschließlich die Akteure – die Intellektuellen – im Mittelpunkt. Auch darauf lässt sich Intellectual History nicht reduzieren. Deshalb werden wir – wohl oder übel – bis zur Findung eines adäquaten deutschen Begriffs an dem englischen Terminus festhalten müssen.

Die Tagung brachte Wissenschaftlicher aus unterschiedlichen Fächern miteinander ins Gespräch. (Bildrechte: SAW)

Sie fokussieren sich bei dieser Tagung auf die „frühe“ Bundesrepublik, also auf die Gründerjahre nach dem zweiten Weltkrieg. Warum ist das ein besonders wichtiges und spannendes Diskussions- und Forschungsfeld? 

Die Tagung steht im Zusammenhang mit dem an der TU Chemnitz angesiedelten Forschungsprojekt „Eine Intellectual History der Bundesrepublik – multiple Zugänge“. Der Schwerpunkt liegt auch hier auf der frühen Bundesrepublik. Meine Beobachtung ist, dass sich die Ideengeschichte oder Intellectual History der Bundesrepublik trotz vielfältiger Forschungsanstrengungen weiterhin als defizitärer Gegenstand darbietet. In der angelsächsischen Forschung erlebt die Intellectual History allgemein dagegen schon seit einiger Zeit einen starken Boom, der sich zunehmend auch in Deutschland bemerkbar macht. Es erschien mir daher sinnvoll, den Überfluss an methodischem Handwerkszeug und Vermessungsinstrumenten auf eine spezifische Periode, die noch weiterer Forschung harrt, anzuwenden. Die frühe Bundesrepublik bot sich als sinnvolles Erprobungsfeld an.

Intellectual History boomt in der angelsächsischen Forschung

Natürlich hängt die Wahl auch mit der Ausrichtung der zwei Chemnitzer Teilprojekte zusammen: Das eine beschäftigt sich mit der Wissenschaftsgeschichte und zeichnet die Entwicklung von der Staatsrechtslehre im Kaiserreich bis in die moderne Politikwissenschaft nach. Das andere ergründet die Biografie von Arnold Bergstraesser und nutzt diese gleichsam als Sonde, mit deren Hilfe vielfältige Kontexte und Netzwerke während der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte in den Blick geraten. Beide Studien reichen bis in die frühe Bundesrepublik hinein, aber nicht über sie hinaus.

Es wäre indes falsch zu behaupten, die 1950er Jahre seien ein grundsätzlich schlecht erforschter Gegenstand. Sie sind vor einigen Jahrzehnten insbesondere von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg rund um Axel Schildt intensiv erforscht worden. Seine Leitformel „Modernisierung im Wiederaufbau“ setzt bis heute Maßstäbe. Die alte Restaurations-These wurde als analytische Kategorie quasi weggeschubst. Anderseits gibt es gerade aus ideengeschichtlicher Sicht jetzt wieder eine Re-Evaluierung der fünfziger Jahre, nicht zuletzt auch unter Berücksichtigung des analytisch-typologisch untauglichen Restaurationsbegriffs. In der Wahrnehmung der Intellektuellen spielte er indes eine große Rolle. Somit ist er als zeitgenössischer Erfahrungs- und Deutungsbegriff ein wichtiger Indikator für den „Zeitgeist“ und für intellektuelle Prägekräfte der politischen Kultur. Es sind überhaupt Anzeichen erkennbar, dass die 1950er Jahre wieder mehr Aufmerksamkeit als Forschungsgegenstand erhalten, auch um nach wie vor gültige Leitparadigmen zu hinterfragen. Hier fügt sich diese Tagung ein.

Vom Wert einer Intellectual History

Ist also Ihre Diagnose, dass die Zeit der „Gründerväter“, diese fünfziger Jahre, langsam wieder ins Bewusstsein kommt, obwohl die zentralen Persönlichkeiten länger vergessen waren? 

Diese Zeit kommt zumindest wieder ins Bewusstsein der Zeit- und Ideengeschichte. Eine andere Frage ist jene nach Ideen, Theorien oder wenigstens intellektueller Sinngebung, welche die 1950er Jahre überdauerten. Das wurde auf dieser Tagung u.a. in Bezug auf Helmut Schelsky, den einflussreichen Soziologen der frühen Bundesrepublik, erörtert. Die Skepsis überwog bei der Beantwortung der Frage, ob sein Werk einen theoriegeschichtlich-überzeitlichen Wert besitzt. Doch als wissenschafts- und ideengeschichtlich beachtenswerte „Gründerfigur“ der bundesdeutschen Soziologie und als Intellektuellen mit öffentlicher Ausstrahlungskraft wollten ihn im Grunde alle gelten lassen.

Zwischen den thematischen Vorträgen war Zeit zum Austausch und zum Gespräch. (Bildrechte: SAW)

Intellectual History als Ideenarchäologie

Insgesamt wäre es erfreulich, die fünfziger Jahre als ideenarchäologisches Forschungsfeld wiederzuentdecken und hier und dort tiefer als bislang zu graben. Dazu bieten sich die verschiedenen Werkzeuge einer Intellectual History an. Sie kamen, quasi in mehreren Erprobungsgängen, auf dieser Tagung zum Einsatz. Zunächst haben wir die Ideologien an sich in den Blick genommen. Sie präsentierten sich nach 1945 insgesamt sehr geschwächt, und es stellte sich die Frage, wie sie sich überhaupt erneuern konnten, ohne einfach die binären Schemen des Kalten Krieges zu übernehmen. Es kam wiederholt die Denkfigur eines „dritten Weges“ zur Sprache, die weiter erforscht werden sollte – jenseits des daran gekoppelten „neutralistischen“ Sujets zur Beantwortung der „deutschen Frage“. Eine zweite Sektion ging der Frage von Verfassung und Verfassungspatriotismus, von Staat, „Staatsfreundschaft“ (Dolf Sternberger) und demokratisch-republikanischer Streitbarkeit nach. Die dritte Sektion hat sich mit der Wissenschaftsgeschichte im Spannungsfeld von Ideologie und Eigenlogik beschäftigt. Die Kritik galt der Überschätzung des zeithistorischen Hintergrunds im Zuge eines Kontextualisierungs-Mantras, durch das eigenständige (wissenschafts-)theoretische Grundannahmen und ihre Kontinuitätswirkung vergleichsweise geringgeschätzt würden. In der vierten Sektion kam der Kontext dagegen wieder verstärkt zum Tragen: Sie handelte von Biografien – Reinhart Koselleck ließ grüßen! – zwischen Erfahrung und Erwartung. Zu guter Letzt stand die Mediengeschichte im Zentrum, so die Rolle der F.A.Z. als „Pravda der Bourgeoisie“ in der frühen Bundesrepublik oder die publizistischen Ausdrucksformen einer Neuen Linken, aber auch mediale Wandlungstendenzen im erneuerungsbedürftigen katholischen Milieu.

Intellectual History als Brückenschlag zwischen Politik- und Geschichtswissenschaft

Wie würden Sie den Wert einer Intellectual History für die Politikwissenschaft einschätzen? Wie wichtig ist der Blick auf diese vielfältigen Zugänge zur Ideengeschichte? 

Ich halte dies für sehr fruchtbringend, aber ich bin da wohl so etwas wie ein Exot innerhalb der Politikwissenschaft, als jemand, der schon eine ganze Weile zwischen Geschichts- und Politikwissenschaft hin und her changiert. Die bilateralen Beziehungen der beiden Fächer haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten eher verschlechtert als verbessert. Die Intellectual History bietet eine Chance zur Wiederannäherung zwischen ihnen, weil sie hermeneutische Textstudien und analytisch-typologische Zugangswege keineswegs rundheraus ablehnt, zugleich aber mit ihren zwei Leitformeln der Historisierung und der Kontextualisierung mit geschichtswissenschaftlichen Zugängen sympathisiert. Vielleicht lässt sich so auch das Abgrenzungsverhalten der beiden „Zünfte“ wieder verringern. Dieses erscheint mir in Deutschland besonders ausgeprägt zu sein, während die Intellectual History in anderen Ländern schon seit längerem den interdisziplinären Brückenschlag ermöglicht und so die Anschlussfähigkeit der Ideengeschichte an verschiedene Wissensbereiche erhöht.

Professor Gallus, ich danke Ihnen für das Gespräch. 

Danke sehr.