Interview: Andreas Anter über Religion und Gewalt

Andreas Anter ist Professor für Politische Bildung an der Universität Erfurt. (Bildrechte: Hans Jakob Rausch)

Im November 2015 habe ich mit Prof. Dr. Andreas Anter über das Verhältnis von Religion und Gewalt gesprochen, Andreas Anter ist Inhaber des Lehrstuhls für politische Bildung an der Universität Erfurt. Im Interview spricht er über die Geschichte der großen Weltreligionen und erklärt ihr Verhältnis zur Gewalt. Er zeigt unter anderem, warum man bei der Diskussion über Religion und Gewalt zwischen textlichen Glaubensgrundlagen und den politischen Rahmenbedingen differenzieren sollte.

Anter: Oft fehlt Kenntnis über Glaubensgrundlagen

Herr Professor Anter, Sie haben darauf hingewiesen, dass man beim Thema „Religion und Gewalt“ zwischen zwei Dingen unterscheiden muss: Zum einen zwischen den normativen Grundlagen des Glaubens und den politischen Rahmenbedingungen. Warum ist diese Unterscheidung für Sie wichtig?

Sie ist wichtig, weil man sich zunächst einmal darüber im klaren sein muss, von welcher Grundlage man ausgeht. Um die spätere historisch-politische Entwicklung beurteilen zu können, muss man wissen: Was ist die Grundlage des Glaubens? Und ist das, was später praktiziert wurde, überhaupt mit dieser Grundlage zu vereinbaren? Gerade in der heutigen Zeit fehlt oft die Kenntnis über diese Grundlagen. Man hört zum Beispiel einen Buchtitel wie „Die Kriminalgeschichte des Christentums“ und denkt: Das ist eine gewalttätige Religion. Wo sie in Wirklichkeit von ihren Ursprüngen her das genaue Gegenteil ist. Deshalb finde ich es wichtig, dass man zunächst die Dinge trennt und fragt: Was sind die textlichen Grundlagen, die normativen Grundlagen und was ist daraus geworden.

„Christentum hat überwältigende Bedeutung“

Podiumsdiskussion zum Thema "Religion und Gewalt": von rechts: Prof. Dr. Andreas Anter (Lehrstuhl für politische Bildung an der Uni Erfurt), Prof. Ömer Özsoy (Professor für Koranexegese an der Goethe Universität Frankfurt), Ministerpräsident Bodo Ramelow, Prof. Dr. Michael Gabel (Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Erfurt)

Andreas Anter (1. von links) auf dem Podium der Veranstaltung „Dialog vor Ort“. Neben ihm Prof. Ömer Özsoy (Professor für Koranexegese der Universität Frankfurt), Ministerpräsident Bodo Ramelow, Prof. Dr. Michael Gabel (Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Erfurt). (Bildquelle: Universität Erfurt)

Inwieweit haben die politische Rahmenbedingungen zur Verfälschung oder Instrumentalisierung religiöser Botschaften geführt?

Das Christentum ist von einer überwältigenden Bedeutung. Es hat sich über die ganze Welt verbreitet, ist auf allen Kontinenten präsent und es hat die Geschichte geprägt, nicht zuletzt die Kolonialgeschichte, die Staatengeschichte in Europa, auch die Staatsgründung der Vereinigen Staaten von Amerika. Das heißt: Wir haben es mit einer geschichtlichen Kraft zu tun. Deshalb ist es wichtig zu fragen: Wie verhält sich die Wirkung des Christentums zu seinen Grundlagen? Was eine Rolle spielt, ist die Frage des Wahrheitsanspruches der christlichen Religion, des Absolutheitsanspruchs, der natürlich auch eine Quelle der Ausbreitung des christlichen Glaubens war, durch die Mission. Diese ist ja nicht unter allen Umständen negativ. Wenn wir fragen: Würden wir lieber in der friesischen Hackordnung leben? Dann würden wir vielleicht sagen: Es ist besser, missioniert worden zu sein. Wir wollen wissen, welcher Anspruch steht hinter der Religion und wie wird er praktiziert.

„Mangelnde Selbstreflexivität des Islam“

Hobbes Werk "Der Leviathan" gilt als Wegbereiter des modernen Staates.

Titelblatt von Hobbes’ Leviathan. Zu sehen ist der Souverän, der über Land und Bewohner herrscht. In seinen Händen hält er Schwert und Krummstab, die Zeichen für weltliche und geistliche Macht. Hobbes Theorie vom „Leviathan“ gilt als Wegbereiter des modernen Staates.

Das heißt, Sie sehen immer auch die staatlichen, politischen Rahmenbedingungen mit als einen wichtigen Faktor an, wenn irgendwo Gewalt im christlichen und religiösen Kontext stattfindet?

Ja. Das Christentum hat nicht zuletzt deshalb eine universalgeschichtliche Bedeutung, weil es diese Figur des Staates hervor gebracht hat. Seine Wirkung war dialektisch: Der Staat hat sich von der Kirche emanzipiert und hat sich über die Kirche gestellt. Er hat verlangt, dass die Kirche sich ihm unterordnen muss: einer weltlichen Macht, einer neutralen Institution – das ist der Staat. Die Folgen kann man nur als paradox bezeichnen kann: Die Religion wird in ihrem Absolutheitsanspruch eingeschränkt; der Staat emanzipiert sich von der Religion, aber aus Gründen, die in der Religion selbst liegen. Das könnte man auch als Dialektik bezeichnen. Darin liegt ein großer Fortschritt, in dieser Konstruktion des Dualismus von weltlich/religiös. Das ermöglicht es einer Religion, sich selbst aus der Distanz zu betrachten. Und auch dem Staat ermöglicht es, sich selbst zu betrachten und zu fragen: Wo sind meine Geltungsgrundlagen? Das hat etwas mit Etablierung von Reflexivität zu tun. Wenn man den heutigen Islamwissenschaftlern Glauben schenkt, dann ist diese mangelnde Selbstreflexivität ein Grund für Probleme des Islam.

Neues Verhältnis von Staat und Religion

Wie kann man diesen Problemen begegnen, gerade im Bezug auf den Islam, der jetzt auch in Deutschland und Europa immer stärker in der Diskussion steht?  

In der heutigen Veranstaltung hat Ministerpräsident Ramelow ein ganz interessantes Stichwort genannt, nämlich den Dreißigjährigen Krieg. Das ist eine Zäsur in der europäischen Geschichte, weil in diesem Krieg die Religionen sich gegenseitig fast bis zur Erschöpfung bekämpfen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg ist Deutschland fast menschenleer. Man kann eine Reise über 50 oder 100 Kilometer machen und trifft keinen einzigen Menschen mehr. In dieser Situation entsteht etwas Neues. Es entsteht eine neue Idee, die bei Hobbes sich manifestiert in seiner Theorie des Leviathan, nämlich eine Institution zu schaffen, die den Wahrheitskampf beendet – durch autoritären Machtspruch. Hobbes sagt: „Auctoritas non veritas facit legem“. Das heißt: Unsere Gesetze werden von der Autorität des Staates diktiert und nicht vom Wahrheitsanspruch der Religion.

Schlacht von Sablat im Dreißigjährigen Krieg (1619). Der Krieg tobte in Europa von 1618 bis 1648. Aus dem Wahrheitskampf der Religionen entsteht die Idee des modernen Staates, der Ordnung und Sicherheit garantiert.

Schlacht von Sablat im Dreißigjährigen Krieg (1619). Der Krieg tobte in Europa von 1618 bis 1648. Aus dem Wahrheitskampf der Religionen entsteht die Idee des modernen Staates, der Ordnung und Sicherheit garantiert.

Vorhin ist in der Diskussion [in der Podiumsdiskussion „Dialog vor Ort: Religion und Gewalt“] das Stichwort gefallen von den Jahrhunderten, die seither vergangen sind. Im historischen Rückblick scheint es so, als ob Dinge ihre Zeit brauchen. Wahrheitsansprüche werden formuliert und gewaltsam durchgesetzt; von anderen werden sie gewaltsam zurückgewiesen – daraus entsteht ein universalgeschichtlicher Prozess, der im Falle Europas zu der politischen Struktur führt, die wir im Moment haben: zum modernen Verfassungsstaat, einem Staat, der den gewaltsamen Kampf um die Wahrheit unterbindet, der verbindliche Verfassungsregeln formuliert und Grundrechte garantiert. Das ist ein Prozess der in den meisten islamischen Ländern noch bevor steht.

In welcher Weise, steht der Staat jetzt vor der Herausforderung, den Islam in die Verfassungsordnung einzubeziehen?

Der Islam steht vor der Herausforderung, die Verfassungsstaatlichkeit stärker zu reflektieren. Das hat mit innerreligiösen Gründen zu tun. Wenn man die Landkarte der islamischen Staaten sich ansieht – etwa Iran, Afghanistan, Saudi Arabien –, dann stehen dort staatliche Ansprüche, auch Verfassungsansprüche unterhalb von höheren Rechtsordnungen: der Scharia. Die Frage lautet: Wer hat die Suprematie? Hat die Verfassungsordnung die Suprematie oder hat der Koran die Suprematie? Wir können nur beobachten, wie dieser Prozess sich entwickelt.

Herr Professor Anter, ich danke Ihnen für das Gespräch.  

Gerne.


Das Interview führte ich für UNIversal – Dein Studentenmagazin auf Radio F.R.E.I. im Rahmen der Veranstaltung „Dialog vor Ort: Religion und Gewalt“ am 10. November 2015.
Zu der Veranstaltung hatte Thüringes Ministerpräsident Bodo Ramelow alle Thüringer Studierenden eingeladen. Eine Nachbericht zur Veranstaltung sowie weitere Interviews, unter anderem mit Ministerpräsident Ramelow, finden Sie hier